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  • AutorenbildTom David Frey

Israel: Was geschah am 7. Oktober wirklich?

Terroristen der Hamas, ebenso wie palästinensische Zivilisten, stürmten in den frühen Morgenstunden des 7. Oktober 2023 die Grenze nach Israel. Dort überrannten sie die nah an der Grenze gelegenen Ortschaften und kleineren Städte und richteten ein Blutbad an.


Aber haben sich die Massaker wirklich ereignet?

In den sozialen Medien werden Zweifel gesät. Man möchte die von den Bürgern Gazas legitimierte Hamas lieber als Freiheitskämpfer verstehen, in der Tradition eines Nelson Mandela oder Martin Luther King, denn als abscheuliche Terrororganisation. Der israelischen Regierung wirft man indes zumindest Übertreibung vor, auch deshalb, weil sie sich mit der Herausgabe von Videomaterial zurückhält.

Die Frage, die deshalb für viele über allem schwebt: Existieren die Beweisvideos wirklich?


Ein von der Terrororganisation Hamas zerschossenes Auto

Ein Besuch in Jerusalem schafft Klarheit. Es sind rund drei Wochen vergangen seit dem entsetzlichen Tag, an dem so viele Juden brutal ermordet wurden, wie seit dem Holocaust nicht mehr. Männer, Frauen, aber auch eine entsetzlich große Anzahl an Kindern und sogar Babies.


Die Sonne scheint. Und obwohl es schon November ist, zeigt das Thermometer noch immer Temperaturen an, wie man sie eher aus Sommermonaten kennt.

Zusammen mit einem Kollegen fahre ich durch die hügeligen Straßen Jerusalems. Wir erreichen den Technology Park, eine Ansammlung aus ganz unterschiedlichen Gebäuden. Da ist ein großes Einkaufszentrum, dort ein modernes Hochhaus. Aber auch Gebäude, die an einen Uni-Campus erinnern, befinden sich auf dem Gelände, ebenso wie ein kleiner Park mit Bäumen, die Schatten spenden.


Wir erreichen unser Ziel, das Pressebüro der israelischen Regierung. Dort werden wir zuerst auf Waffen kontrolliert, müssen durch einen Metalldetektor gehen, wie man ihn von der letzten Urlaubsreise kennt. Anschließend wird überprüft, wessen Name auf der Teilnehmerliste steht – wer dort nicht verzeichnet ist, der darf nicht rein. Zum Glück konnten wir uns noch in letzter Sekunde anmelden und dürfen den Sicherheitsbereich verlassen. Nach der Überprüfung bittet man uns nun, unsere Kameras, aber auch Handys und sogar unsere Smartwatches abzugeben.

Die Regierung stellt sicher, dass wir keine Aufzeichnungen anfertigen können von dem, was wir gleich sehen werden. Mit etwas Durchsetzungsvermögen schaffe ich es gerade noch rechtzeitig, mir einen Stift und ein paar Blätter Papier zu organisieren – in der Hightech-Nation Israel gar nicht so einfach.


Dann betreten wir einen Vorführraum. Mit uns sitzen dort zahlreiche andere Vertreter der Weltpresse. Eine junge Majorin der israelischen Armee hält eine kurze Ansprache.

Sie warnt uns eindringlich: Wer sichergehen wolle, keine seelischen Schäden davonzutragen, der könne jetzt noch den Vorführraum verlassen. Niemand rührt sich. Die, die gekommen sind, wappnen sich für das, was sie erwartet: eine rund 45-minütige Vorführung von Videos des 7. Oktober.

Einige davon aufgezeichnet von Sicherheitskameras, andere von Dashboard- und wieder andere von Smartphonekameras. Aber auch Aufnahmen der Actionkameras, die die Attentäter mit sich führten, um ihre Gräueltaten stolz zu verewigen, sowie Videoaufzeichnungen der später eingetroffenen Rettungskräfte, sind darunter.



Die Vorstellung des Grauens beginnt


Nach einer kurzen Eröffnungssequenz, die einige Daten und Fakten beinhaltet, beginnt die eigentliche „Vorführung“. Sie zeigt zuerst die Aufnahme eines jungen Pärchens; beide sitzen mit erhobenen Händen in einem Auto. Die Angst, die sie in diesem Moment spüren, da sie von Kämpfern der Terrororganisation Hamas umstellt wurden, kann man aus der Perspektive der Sicherheitskamera nur erahnen. Dann fallen Schüsse: Mehrere Attentäter eröffnen das Feuer auf den jungen Mann und die junge Frau, die beide im Kugelhagel sterben, die die Hände noch reflexartig über Kopf und Gesicht legen, als könnten ein bisschen Haut, Sehnen, Muskeln und Knochen die tödlichen Geschosse abwehren.


Szenenwechsel. Es folgen Aufnahmen, auf denen man die mit Schutzwesten und grünem Stirnband gekleideten Terroristen sieht. Die Menschen, die sie zuvor teils aus nächster Nähe erschossen haben, zerren sie nun aus ihren Autos und werfen sie brutal auf die Straße. Ganz so, als ob sie Müll entsorgen würden.


Und wieder sieht man, wie die jungen Männer mit ihren unterschiedlichen Schusswaffen, die von der Kalashnikov bis zur Panzer-Abwehrwaffe reichen, aus nächster Nähe israelische Zivilisten erschießen – Männer, Frauen, Kinder und Babies. Einerseits erscheint das Töten wahllos, andererseits erschreckend präzise und kaltblütig. Dabei brüllen sie ekstatisch Allahu Akbar, ganz so, wie man es von den Terroristen von ISIS kennt, die nicht nur die arabische, sondern auch die westliche Welt in einer Mischung aus Gewalt, Hass und Fanatismus unterwerfen wollten.


Eine Videosequenz folgt auf die nächste. Die Summe an Grausamkeit ist schon jetzt kaum noch zu ertragen. Die Leinwand ist erfüllt von sterbenden Menschen, von Entsetzen, Angst und Verzweiflung. Ob junge Menschen oder alte Menschen, ob Männer oder Frauen – im Todeskampf reagieren sie alle gleich. Der Instinkt, der sie alle verzweifelt die Arme zum Schutz hochreißen lässt, scheint ihre letzte Gemeinsamkeit zu sein.



Aber die Terroristen filmen sich auch selbst. Da sitzen sie, teilweise eng zusammengedrängt, auf den Ladeflächen ihrer zumeist weißen Pick-Ups. Sie johlen und rufen Allah an. Sie wirken euphorisch und entschlossen zugleich. Als wäre die Aussicht darauf, unschuldige Juden töten zu können, für sie die größte Verheißung, die Erfüllung eines Lebensziels.


Im Kibbuz angekommen – das zeigt ein anderes Video – zerschießen die Attentäter sicherheitshalber die Reifen eines Krankenwagens, der unter einer Überdachung geparkt steht. Sie stellen sicher, dass es im anschließenden Chaos, in den Szenen der Verwüstung, die sie hinterlassen werden, keine Hoffnung auf Rettung gibt.


Wieder eine andere Szene: Ein schwarzer Hund kommt freudig auf die Terroristen zugelaufen. Er wedelt zutraulich mit dem Schwanz, wie Hunde das eben tun, wenn sie Menschen begegnen.

Die Kamera, die aus der Sicht des Terroristen das Geschehen festhält, nimmt den Moment auf, in dem der palästinensische Terrorist seine Waffe abfeuert. Als die Kugel ihr Ziel trifft, wirkt das Tier zuerst überrascht, verwundert, während es zu wanken beginnt und seine Beine den Halt verlieren. Der schwerverletzte Hund ist wie im Delirium. Erst, als der Attentäter ihm eine weitere Salve Kugeln in den Körper schießt, fällt er in sich zusammen, stürzt und stirbt.


Schnitt: Eine Gruppe Terroristen schleicht durch einen Kibbuz. Ihre selbst mitgebrachten Kameras halten ihre Taten für die Nachwelt fest. Vorsichtig und mit schussbereiten Waffen ziehen sie von Haus zu Haus. Ohne zu zögern feuert einer der Männer seine Waffe ab. Feuert durch das Fenster in einen der Räume hinein. Eine alte Frau, die nichts getan hat, außer zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein, stöhnt auf. Dann fällt sie tot in sich zusammen, ganz so, als habe man den Stecker aus einer Steckdose gezogen.


Als sei es das Normalste der Welt, verbarrikadiert ein Trupp Terroristen bedächtig eine Haustür. Eine Möglichkeit zur Flucht möchte man seinen Opfern nicht bieten. Nachdem sie die Tür blockiert haben, zünden sie in Ruhe das Haus an, um die Menschen im Innern bei lebendigem Leib zu verbrennen. Von den Opfern wird im anschließenden Feuerinferno nicht viel übrig bleiben.

Rund einen Monat nach dem Massaker, suchen Archäologen in den ausgebrannten Wohnhäusern nach Zähnen und Knochenstücken, die Hinweise darauf liefern können, ob die ehemaligen Bewohner in ihren Häusern verbrannt sind oder aber als Geiseln verschleppt wurden. Ein schmerzvolles und makaberes Schauspiel, das die Opfer nicht einmal im Tod Ruhe finden lässt.


Ein Soldat sucht nach Überresten der Bewohner eines niedergebrannten Hauses

Wieder eine neue Szene. Dieses Mal zeichnet eine private Sicherheitskamera die Bilder auf, die nun die Vertreter der Weltpresse zu sehen bekommen. Die Kamera zeigt ein Wohnzimmer. Auf einmal sind da drei Personen: ein Mann und zwei Jungen. Ein Vater mit seinen zwei Söhnen. Der Kleinere könnte sechs Jahre alt sein, der Größere neun. Sie rennen durch das Wohnzimmer, von den Sirenen aus den Betten gerissen, die vor den tödlichen Raketen warnen, die seit Jahren aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert werden. In ihrer Eile haben sie es nicht geschafft, sich auch nur ein T-Shirt anzuziehen, und so flüchten Vater und Söhne halbnackt in den Raketenschutzbunker, der sich im Garten befindet, wo eine weitere Sicherheitskamera das Geschehen aufzeichnet.

Während die kleine Familie im Schutzbunker auf ein Ende der dröhnenden Sirenen hofft, erscheinen mehrere Terroristen im Bild, die sich von außen dem Bunker nähern, in dem Vater und Söhne nicht ahnen, dass es nicht die Raketen sind, die sie nun bedrohen, sondern Menschen, die den vermeintlichen Schutzraum in ein Grab verwandeln wollen. Einer der Männer geht auf den Schutzraum zu und wirft eine Handgranate in den kleinen Raum; im Inneren kommt es zu einer heftigen Explosion. Der Vater der beiden Jungen kippt tot ins Bild und liegt reglos am Eingang des Schutzbunkers. Sein Körper scheint die Explosionskraft abgemildert zu haben, denn taumelnd und blutverschmiert erscheinen anschließend die zwei Jungen im Bild, die dann den Schutzbunker verlassen. Die Terroristen der Hamas drängen die beiden wehrlosen Kinder in den Wohnraum des kleinen Hauses zurück. Als wäre er ein guter Bekannter der Familie, macht sich einer der Attentäter am Kühlschrank der Familie zu schaffen und bedient sich in scheinbarer Seelenruhe an den Getränken. In seiner Verzweiflung ruft einer der beiden Jungen verzweifelt: „Aba!“ – aber der angerufene Vater kann ihn nicht mehr hören. Verstört und unter Schock, fleht der Junge den Terroristen auf Englisch an: „Ich will meine Mami“.

Schnitt. Die beiden Jungen sind alleine im Raum. Wo die Terroristen sind, ist unklar. Der ältere Bruder stellt mit Entsetzen fest, dass die Granate, die den Vater das Leben gekostet hat, ein Auge seines Bruders zerrissen hat. Der blutverschmierte und schwer verwundete Bruder steht wie gelähmt und vollkommen benommen da. Scheinbar erblindet. Er wirkt, als sei das, was gerade geschehen ist, nicht real. .„Warum bin ich am Leben?“ brüllt einer der Jungen voller Verzweiflung. Seine Frage bleibt unbeantwortet.


In wieder einer anderen Szene, die sich in einem der größeren Kibbuzim zugetragen hat, werden die letzten Momente einer verängstigten Frau auf Film gebannt, die sich ins Gedächtnis einbrennen: Aus der Perspektive einer Sicherheitskamera sieht man, wie die verzweifelte Frau versucht, sich in einem Kindergarten vor den Attentätern zu verstecken.

Als die Terroristen sie erreichen, schießen sie die unschuldige Frau kaltblütig nieder. Ohne zu zögern. Ohne Gnade walten zu lassen. Ganz so, als sei ihr Tun eine Heldentat und nicht ein feiger Mord. Anschließend entwenden sie ihrem Opfer das Handy, bevor sie den leblosen Körper vom Boden aufheben, schultern und die Leiche wie eine Kriegstrophäe aus dem Blickwinkel der Sicherheitskamera davontragen.


Die aufgezeichneten Horrorszenarien scheinen kein Ende zu nehmen:

Es folgt die Videoaufzeichnung eines jungen, israelischen Soldaten, der tot am Boden liegt. Erst nach einigen Sekunden wird klar, dass etwas an der Aufnahme nicht stimmen kann. Die Hamas-Terroristen haben den am Boden liegenden Mann nicht nur kaltblütig ermordet, sondern ihn zusätzlich enthauptet. Dort, wo der Kopf sein müsste, blickt man auf staubigen Boden.


Dass das Köpfen von Menschen zur Strategie der Hamas gehört, zeigt auch ein nun abgespielter Funkspruch. Darin stellt ein Kommandeur knapp fest, wie mit den ermordeten Juden zu verfahren sei: Köpfen. - Und das Gemetzel auf Video festhalten.


In der nächsten Aufnahme ist ein Terrorist zu sehen, der einem am Boden liegenden Mann aus nächster Nähe und direkt von oben mehrfach in den Kopf schießt.

Immer wieder treten die Attentäter auch brutal auf die Gesichter ihrer Opfer ein. Das Bild ist verstörend: die massiven Militärstiefel der Terroristen zertrümmern die selbst im Tod schockiert und überrascht wirkenden Gesichter ihrer Opfer.


Eine weitere Szene, festgehalten von den Attentätern, die an diesem Tag so viel Leid und Elend verbreiten: Ein Mann, wahrscheinlich einer der zahlreichen Landarbeiter aus Thailand, die in den Kibbuzim helfen, liegt am Boden. Er trägt ein markantes, gelbes Trikot. Wieder zertrümmern die Angreifer das Gesicht des schon vorher stark blutenden Opfers mit ihren Stiefeln. Noch scheint der gepeinigte Mann allerdings zu leben. Unter lauten „Jahudi!“, „Allahu Akbar“-Rufen und begleitet von makaberem Gelächter nimmt sich einer der Täter eine Gartenhacke. Mit dieser schlägt er wieder und wieder auf den Hals des Opfers ein. Vor laufender Kamera wird der Mann geköpft. Das Freudengeschrei der jungen Männer ist laut. Es gleicht einem bizarren, bösen Freudentaumel.


Die Videovorführung, die nur etwa zehn Prozent aller Morde des 7. Oktober 2023 zeigt und viele besonders brutale Stellen, beispielsweise solche mit sexueller Gewalt, ausspart, geht weiter.

Die Vertreter der Presse sind still. Das Ausmaß der Gewalt erschüttert. Macht sprachlos. Einige bedecken aus Instinkt ihre Augen oder schauen fassungslos auf den Boden, bevor sie dann zögerlich den Blick wieder heben. Man will nicht mehr zuschauen. Man tut es doch. Dafür ist man schließlich gekommen. Die Menschen im Raum, die schon vieles gesehen haben, werden von den Aufnahmen, die sich anfühlen, wie ein Tsunami, der die Seele verschlingt, überrollt. Manch ansonsten hartgesottener Kollege weint. Der Kollegin neben mir laufen still Tränen über das Gesicht, die sie nicht wegwischt, und die ihr geräuschlos in den Schoß tropfen.


Der Film, den die Öffentlichkeit zum Schutz der Opfer und deren Familien nicht zu sehen bekommen wird, geht unterdessen erbarmungslos weiter:

Überall liegen ermordete Menschen – verdrehte, geschundene, manchmal ganz und gar zerstörte Körper. Ganze Familien sind darunter. Und immer wieder sind Gewehrläufe zu sehen, die sich den Köpfen kleiner Kinder nähern. Und die diese zarten Gesichter innerhalb eines Sekundenbruchteils zerfetzen und ein Meer aus Blut und Gehirnmasse auf dem Boden zurücklassen.

Begleitet wird der Anblick des Grauens von den immer gleich klingenden Allahu Akbar-Rufen, die einen G-tt preisen, der, wenn es ihn gibt, an diesem Tag seinem Volk den Rücken gekehrt zu haben scheint.


Auf vielen Aufnahmen ist der Boden von Blut getränkt.

Da liegen tote Kinder, mit Löchern in Kopf und Brust. Da sind die Aufnahmen von kleinen Körpern, denen man vor der Ermordung noch die Gliedmaße abgetrennt hat.


Und dann ist da die Aufnahme eines kleinen Kindes, das die Schlächter aus Gaza verbrannt haben. Der verkohlte Mickey-Mouse-Schlafanzug brennt sich mir tief in die Seele. Im Feuertod wirkt der Leichnam dieses Kindes besonders klein.


Aber auch Symbole - wie der in die Luft gereckte Finger, ebenso wie die schwarze Flagge mit weißem Kreis und arabischen Schriftzeichen – alles Merkmale von ISIS – sind immer wieder sichtbar. Und der versammelten Presse dämmert es, dass die Anschuldigung israelischer Offizieller zutreffend ist, dass Hamas niemand anders als ISIS ist. Hamas ist keine Organisation eines Widerstands. Keine Vereinigung von Menschen, die Aussöhnung oder Frieden suchen oder mit denen man verhandeln kann. Oder mit denen man verhandeln sollte.


Ein Telefonat wird eingespielt: Einer der Terroristen hat einer jüdischen Frau, die er „mit eigenen Händen“ ermordet hat, das Handy entwendet. Auf der anderen Seite der Leitung sind sein Vater und seine Mutter. Stolz erzählt er ihnen, dass er schon "zehn Juden umgebracht“ hat.

Eine Welle der Emotion bricht bei dieser grausamen Nachricht über die Eltern herein – die ihren Sohn allerdings als Helden feiern und ihm eine sichere Heimkehr wünschen. Die Mutter scheint vor Glück über die Abscheulichkeiten den Tränen nah.


Der Mitschnitt eines Funkspruchs wird abgespielt: Einer der Kommandeure gibt seinen Schlächtern Bescheid, dass sie ihre Opfer kreuzigen sollen.


Und immer wieder sieht man Leichenschändungen. Die Terroristen bespucken leblose Körper, zertrümmern die Gesichter ihrer meist jungen Opfer. Johlend werfen sie sie wie totes Vieh auf die Ladeflächen ihrer Pick-Up-Trucks. Allahu Akbar. Die geschändeten Leichen und gefangen genommenen Geiseln werden nach Gaza gebracht. Auch das zeigen Aufnahmen. Dabei werden sie nicht etwa von einer bestürzten Menschenmenge begleitet – im Gegenteil. Es bilden sich Menschentrauben, die voller Jubel den begangenen Pogrom an den jüdischen Nachbarn feiern. Die noch lebenden Geiseln reißen sie an den Haaren von den Trucks, bespucken sie, schlagen mit Holzlatten auf sie ein. Man sieht ausgerenkte Körperteile und abgerissene Gliedmaßen.


Schnitt. Die eine Ewigkeit andauernden 45 Minuten zeigen nun einen anderen Ort: Dieses Mal ist die Szenerie die Umgebung des Nova Festivals, auf dem junge Menschen ausgelassen eine Party feiern. Nur wenige Momente später rennen sie. Flüchten. Wie in einem Epos der Frühzeit des Kinos fliehen sie über staubigen Boden und versuchen, den Schlächtern, die sie auf Pick-Up Trucks und Motorrädern verfolgen, zu entkommen.

Die Luft ist voller Staub von den vielen Füßen, die nicht wissen, wohin.


Eine Aufnahme zeigt einen Hamas-Terroristen, der gnadenlos auf aufgereiht dastehenden Dixi-Toiletten schießt. Die mobilen Toiletten, die man für die Dauer des Festivals dort aufgestellt hat, werden zur tödlichen Falle.

Mit ihren Stiefeln treten die Terroristen, die am 7. Oktober 2023 fast anderthalb tausend Menschen hinrichten, auf Leichen, die sich türmen und einfach überall zu liegen scheinen.

Manche von den jungen Menschen, die eigentlich nur ausgelassen feiern wollten, stellen sich, verzweifelt vor Angst, tot. Auf diese Weise versuchen sie, dem entsetzlichen Massaker zu entkommen. Täuschung als letzter Fluchtversuch. Hoffnung als einziges Mittel der Gegenwehr.

Seelenruhig schlendert einer der Attentäter von einem Körper zum nächsten - und feuert aus nächster Nähe weitere Kugeln ab. Nun regt sich niemand mehr.


Es folgen Videosequenzen von Juden, die in ihren Autos oder auf offener Straße lebendig verbrannt wurden. Ihre Münder sind vom Schmerz auch im verkohlten Zustand noch weit aufgerissen. Einige von ihnen qualmen und dampfen noch, als sie später von entsetzten Rettungskräften entdeckt werden.


Und dann sind da wieder Aufnahmen der Täter.

Auf meinem Notizzettel, auf dem ich so schnell und so akkurat wie möglich aufschreibe, was ich sehe, steht: „Ganz glücklich sehen sie aus“.


Dann erscheinen Videomitschnitte von Polizeikräften, die das Gelände des Festivals nach Überlebenden absuchen. Auf die vielen „Lebt noch jemand?“-Rufe gibt es keine Antwort. Stattdessen zeigt die Bodycam nur tote Körper. Überall. Auf dem Boden liegend. Hinter dem Tresen der Bar. Zusammengesackte, verkrümmte, verstümmelte Körper.

Und keine Antwort auf die verzweifelten Rufe des Polizisten.


Manche der verbrannten Menschen wirken auf den ersten Blick wie Heuballen, die in der Dunkelheit dampfen. Aber bei genauerem Hinschauen sind es menschliche Körper. Verkohlte Überreste von denen, die oftmals in der Friedensbewegung aktiv waren und eine Aussöhnung mit den palästinensischen Nachbarn als realistisch erachteten, die sie nun lebendig angezündet und brutal ermordet haben.


In den offenen Leichensäcken, die in großen Mengen herumliegen, befinden sich viele tote Frauen. Die Schusswunden tragen sie typischerweise im Kopf oder in der Brust. Manchen Körpern wurden Beine ausgerissen. Andere wurden gefesselt oder geknebelt und anschließend verbrannt. Auf meinen Notizen notiere ich über einen der vielen verbrannten Körper: „Sieht aus wie eine Mumie“.


Der Film endet.


Der Raum schweigt.


Keiner der erfahrenen Kollegen sagt ein Wort.


Erst als ich nach der Aufführung auf die Toilette gehe, höre ich vor der Tür einen englischsprachigen Kollegen mit seiner Frau telefonieren. Er sagt: „Das sind Tiere. Punkt. Die müssen ausgerottet werden.“


Was bleibt


Nach dem Verlassen des Pressebüros sind mein Kollege und ich schweigsamer als sonst. Aber anstatt zu weinen oder zu schreien, gehen wir arbeiten. Ablenkung als Therapie. Verdrängen als Versuch, das Gesehene erträglich zu machen.


Als Zeugen eines Genozid gehen wir an diesem Abend schlafen. Im stillen Entsetzen über die, die relativieren, die für den Horror der Hamas ein „Ja, aber…“ finden, die eine Begründung für unmenschlichste Verbrechen bemühen und die sich über die Opfer lustig machen oder die Taten gar in Zweifel ziehen oder vergleichen wollen. Viele von ihnen leben in Nahost. Immer mehr aber auch bei uns zu Hause - mitten in Deutschland.

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Tom in Israel, Kibbuz Kfar Aza.jpg

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