Ich muss zurück nach Israel
- Tom David Frey

- vor 8 Stunden
- 5 Min. Lesezeit

Viele Male war ich im Nahen Osten. Am häufigsten in Israel. Allein nach dem brutalen Massaker vom 7. Oktober 2023 war ich fast ein Dutzend Mal im Land. Ich habe die Orte des Schreckens besucht, mit Angehörigen von Geiseln gesprochen und miterlebt, wie die an Gaza grenzenden Kibbuzim mit dem Wiederaufbau begannen. Etliche Male suchte ich Schutz in Bunkern vor heranfliegenden Raketen, abgefeuert von Islamisten – manchmal kamen die Raketen aus Gaza, dann aus Libanon, immer wieder auch aus fernen Ländern wie Jemen.
Dann kam die Massentötung im Iran, der viele tausend Menschen zum Opfer fielen. Das brutale Vorgehen der Mullahs gegen die eigene Bevölkerung setzte eine Dynamik in Gang, die in einem großen Krieg endete – über dessen Ausgang bis heute Unklarheit besteht. Und ich: musste das Geschehen nur aus der Ferne kommentieren. Als Israel sich dem teheraner Raketenhagel stellen musste, als die Islamische Republik Streumunition über israelische Städte regnen ließ, da war ich im sicheren Europa, recherchierte und klärte über Hintergründe auf.
Medizinische, finanzielle und andere Gründe banden mich 2026 an die Heimat, ausgerechnet in der Phase, in der es so wichtig gewesen wäre, wieder aus dem Nahen Osten zu berichten. Denn wie so oft war die mediale Stimmung klar: gegen Israel.
"Weitermachen ist kein Selbstläufer."
Endlich bin ich wieder startklar: Körperlich fit, voller Tatendrang, obwohl nicht unberührt von dem, was hinter mir liegt. Immerhin waren die vergangenen drei Jahre die härtesten und entbehrungsreichsten meines Lebens. Sie waren oft härter, als ich es mir lange eingestehen wollte. Dauerstress, Bedrohungen, Beleidigungen, finanzielle Unsicherheit, Krieg, Leid, Nachrichtenlagen. All das ließ wenig Raum zum Durchatmen.
Und irgendwann merkt man: Weitermachen ist kein Selbstläufer. Irgendwann wirken Kommentare mechanisch, Analysen gekonnt, aber distanziert, Einordnungen professionell, aber losgelöst vom Geschehen am Boden. Und das zu einem so hohen Preis. Will man das wirklich dauerhaft?

Mein Anspruch war stets ein doppelter: eine ordentliche journalistische Arbeit leisten, dabei aber auch Perspektiven und Einblicke schaffen, die über Nachrichten hinausgehen. Verständnis schaffen und Hintergründe vermitteln anstatt die nächste Sensation zu befeuern.
Und das geht nur bis zu einem gewissen Grad, wenn man aus dem heimischen Studio publiziert.
Wie soll man fühlen, was die Menschen fühlen, wenn die eigenen Gedanken gefangen sind in vier fernen Wänden? Wie soll man Schlüsse ziehen, wenn man nicht immer wieder mit neuen Blickwinkeln und Details überrascht wird, die man so nicht in Nachrichten und Analysen findet, sondern nur im echten Leben?
Anders gesagt: Wenn man zu lange aus der Ferne berichtet, kann man analytische Klarheit schaffen, Hintergründe aufklären, aber irgendwann wird die Luft dünn. Nämlich dann, wenn es darum geht, eine Region als mehr zu sehen, als nur einen losen Zusammenschluss aus Daten und Fakten, aus Geschichte und Politik.
Ich muss wieder das spüren, was meine Arbeit drei jahre lang unabhängig, analytisch und einfühlsam zugleich gemacht hat.
Was mir fehlt, ist nicht Urlaub (der auch, aber das steht auf einem anderen Blatt).
Auch ist es nicht das Abenteuer, das ich zur Inspiration brauche.
Schon gar nicht ist es die Kulisse, die ich suche, um dieselben Informationen brisanter erscheinen zu lassen.
Was mir fehlt, ist die Grundlage meiner Arbeit: Erfahrung vor Ort. Gespräche, die Reibung erzeugen. Es ist die Nähe zu den Menschen, mit denen man spricht, anstatt über sie. Es sind die Widersprüche, die sich ergeben, wenn man nicht nur dem eigenen Narrativ hinterherjagt.
Ich muss wieder das spüren, was meine Arbeit drei jahre lang unabhängig, analytisch und einfühlsam zugleich gemacht hat. Ich brauche wieder die Momente, in denen Orte, Gesichter, Sätze, Gerüche, Sorgen und Momente des Aufatmens mehr erklären als Bücher und Analysen es können.
Um weiterzumachen muss ich das Studio verlassen und wieder bei den Menschen sein, die meine Arbeit prägen. Nicht, weil die Arbeit im Studio wertlos wäre. Im Gegenteil: gerade hier kann ich oft Erfahrungen, Wissen und Analyse zusammenbringen. Aber ich muss wieder zurück an den Ort des Geschehens, weil meine Arbeit dann am stärksten ist, wenn sie aus unmittelbarer Begegnung entsteht.
Ich muss von der gefährlichen israelischen Grenze im Norden berichten, wo tagtäglich Sprengstoffdrohnen einschlagen. Ich muss Tel Aviv erleben, wo sich Konflikte und Kriege so weit entfernt anfühlen, obwohl sie so nah sind. Ich muss denen zuhören, die wir als Siedler bezeichnen, aber denen wir so selten Raum geben, ihre Sicht zu erklären. Ich muss ehemalige Geiseln in den Kibbuzim treffen, mit denen sprechen, die das durchgemacht haben, was niemand erleben will. Ich muss auf den Dächern Jerusalems das Treiben betrachten, das sich seit Jahrhunderten so wenig zu verändert haben scheint. Ich muss mein Buch fertigschreiben, das seit mehr als anderthalb Jahren als Datei auf meinem Computer darauf wartet, vollendet und gedruckt zu werden.
Und ich habe noch viel mehr Ideen: es geht um den Glauben, um politische Fragen, um historische Ungereimtheiten und Geheimnisse, die allesamt das Israel-Narrativ hinterfragen, das medial oft wie in Stein gemeißelt erscheint. Und ich muss mehr Menschen zum Nachdenken bringen. Weil es noch nicht zu spät ist. Obwohl die Uhr schon lange 12 anzeigt.

Natürlich wird es weiter Podcasts geben. Auch dann, wenn ich nicht nach Israel reisen und Inspiration nachtanken kann, die ein Kraftstoff meines Tuns ist. Natürlich werde ich versuchen, auch ohne neue Erfahrungen vor Ort neue Formate zu starten.
Aber meine wichtigste Arbeit, meine stärkste Inspiration, ist nie im heimischen Studio entstanden. Sie entstand auf meinen unterschiedlichen Recherchereisen. Die vielen Gründe, diese Arbeit nicht hinzuschmeißen – trotz Stress, Beleidigungen und Geldnot –, finde ich fast ausschließlich dann, wenn ich mich auf die Welt einlasse, über die viele aus der Ferne urteilen.
Es ist traurig, dass sich bis heute kein Sponsor meiner Arbeit gefunden hat.
Es liegt an Euch: Wenn Ihr meine Berichterstattung aus Israel, meine Podcasts, Texte und andere Veröffentlichungen schätzt, dann helft mir, meine nächste Recherchereise auf die Beine zu stellen.
Denn meine Ersparnisse habe ich in den vergangenen drei Jahren weitestgehend aufgebraucht. Wieder und wieder war ich vor Ort. Nur einen Bruchteil der Kostenlast konnte ich durch Unterstützung abfedern. Es ist traurig, dass sich bis heute kein Sponsor meiner Arbeit gefunden hat, aber ich kann damit leben. Wenn aber das Projekt des Journalismus, der sich dem Sturm der großen Medienhäuser in den Weg stellt, weitergehen soll, dann braucht es jetzt Deine freiwillige Unterstützung.
Ich bin offen: wenn mein Aufruf niemanden erreicht, dann analysiere ich weiter und podcaste aus der Distanz. Wenn der Betrag klein ist, der zusammenkommt, kann ich für eine oder zwei Wochen Input nachtanken. Je größer aber der Betrag wird, desto länger will ich vor ort bleiben, Einblicke geben und diese später in neuen Podcasts mit der analytischen Ebene verschmelzen. Es liegt an Euch.
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, das, was ich vor einigen Jahren begann, nicht nur fortführen zu können, sondern ganz neu zu gestalten.
Wenn Ihr Euch mehr Ausgewogenheit wünscht, neue Blickwinkel und Perspektiven, eben solche, die man in deutschen Medien nur selten hört, dann haltet mir jetzt den Rücken frei, damit ich weitermachen kann. Damit ich mich auf das konzentrieren kann, was zählt: Journalismus zu machen, der mehr ist als das Verkaufen sensationeller Schlagzeilen. Damit ich eine Stimme sein kann gegen anti-israelische Desinformation und gegen die Normalisierung von Judenhass.







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